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Verhalten

Das erste Treffen: zwei Menschen, zwei Hunde

Neutraler Ort, lockere Leine, klare Abbruchkriterien: wie das erste Treffen mit einer fremden Person und ihrem Hund gelingt – und wann ihr besser aufhört.

Ihr habt geschrieben, es passt – und jetzt trefft ihr euch zum ersten Mal. Zwei Menschen und zwei Hunde, die sich alle noch nicht kennen. Dieser Leitfaden geht der Reihe nach durch, was dabei hilft: was ihr vorher klärt, wo ihr euch trefft, wie die Hunde sich begegnen, woran ihr Stress erkennt und wann ihr besser abbrecht. Er ersetzt keine Hundeschule und keine tierärztliche Abklärung.

Die fünf Punkte, wenn du nur kurz Zeit hast

1. Redet zuerst miteinander. Ob die Hunde direkten Kontakt haben dürfen, entscheidet ihr gemeinsam. Jedes «Nein» gilt – ohne Begründung. 2. Trefft euch draussen, auf neutralem Gebiet, mit viel Platz. Nicht in der Wohnung, nicht im Garten, nicht auf engen Wegen. 3. Lauft zuerst mit Abstand nebeneinander. Direkter Kontakt kommt später – und nie frontal. 4. Wedeln heisst nicht «freut sich», sondern «aufgeregt». Schau immer den ganzen Hund an, nie nur die Rute. 5. Im Zweifel abbrechen, sofort. Ein abgebrochenes Treffen kostet nichts.

Vorher: was ihr im Chat klärt

Das meiste, was schiefgeht, lässt sich vorher besprechen. Frag nicht «ist dein Hund verträglich?» – darauf antworten fast alle mit Ja. Frag nach konkreten Erlebnissen:

• Was ist bei der letzten Begegnung mit einem fremden Hund passiert? • Gibt es Situationen, in denen dein Hund unsicher wird oder Distanz braucht? • Wie ist dein Hund an der Leine, wenn ihm ein anderer Hund entgegenkommt? • Hat dein Hund gesundheitliche Probleme oder Schmerzen? • Wann war die letzte Impfung?

Schmerzen werden dabei am meisten unterschätzt: In der Fachliteratur wird ein erheblicher Teil der Verhaltensfälle mit einer schmerzhaften Komponente in Verbindung gebracht. Ein Hund, der früher problemlos mit anderen Hunden auskam und es plötzlich nicht mehr tut, gehört zuerst in die Tierarztpraxis – nicht ins Training.

Zum Impfstatus: Wann die letzte Impfung war, dürft ihr einander fragen. Eine feste Regel, ab wann ein Hund Kontakt zu fremden Hunden haben darf, gibt es in der Schweiz nicht – klärt das im Zweifel mit eurer Tierarztpraxis.

Was zu Hause bleibt

Spielzeug, Kauartikel, Futternapf, Lieblingsdecke – alles, worum gestritten werden könnte. Denkt auch an die Leckerli in eurer Jackentasche. Und daran, dass ihr selbst eine Ressource seid.

Der Ort: neutral, draussen, viel Platz

Hunde verteidigen Gebiet, das sie als ihres empfinden – und dazu gehören auch der Gehweg vor dem Haus und die übliche Gassirunde. «Wir treffen uns einfach auf meiner Runde» ist deshalb keine neutrale Wahl.

Geeignet ist eine grosse Wiese, ein breiter Feldweg oder ein weitläufiger Park – Gebiet, das keiner der beiden Hunde regelmässig nutzt, mit genug Platz, um jederzeit in einem grossen Bogen auszuweichen. Am besten zu einer ruhigen Tageszeit.

Ungeeignet sind die Wohnung oder der Garten von einem von euch, enge Wege, Unterführungen und Treppenhäuser, Parkplätze und der Raum zwischen Autos, Hauseingänge und Gartentore. Und die Hundewiese: Dort kommen unkontrollierbare dritte Hunde dazu, und genau das wollt ihr beim ersten Mal nicht.

Die erste Begegnung der Hunde

Jeder führt seinen eigenen Hund – den, dessen Signale er kennt und den er notfalls sicher halten kann. Die Leine bleibt locker und hat Spielraum: Eine straffe Leine nimmt dem Hund genau die Möglichkeit, die er in einem Konflikt zuerst nutzen würde – auszuweichen.

Schritt 1 – Redet, bevor die Hunde sich sehen. Klärt, ob überhaupt beide Direktkontakt wollen. Schritt 2 – Lauft parallel, mit so viel Abstand, dass beide Hunde entspannt bleiben. In dieselbe Richtung, nicht aufeinander zu. Die Menschen gehen zwischen den Hunden. Schritt 3 – Verringert den Abstand langsam, solange beide locker bleiben. Wird einer angespannt, geht ihr zurück auf die Distanz, die funktioniert hat. Schritt 4 – Kontakt erst, wenn beide Menschen zustimmen. Nicht frontal: Hunde nähern sich freundlich in einem Bogen. Schritt 5 – Kurz halten und weitergehen.

Wie kurz? Freiwillige Begrüssungen unter Hunden dauern in Beobachtungsstudien im Mittel nur wenige Sekunden – annähern, beschnüffeln, wieder auseinandergehen. Eine Begrüssung, die sich in die Länge zieht und bei der die Körper steifer werden, ist kein gutes Zeichen. Übrigens: Dass nur einer der beiden schnüffelt und der andere nicht, ist normal und kein Problem.

Eine Meterangabe für den Abstand gibt es nicht – keine der Fachorganisationen nennt eine. Nehmt den Abstand, bei dem beide Hunde noch locker gehen und nebenbei schnüffeln können. Und lieber etwas mehr.

Woran ihr Stress erkennt

Die wichtigste Regel: Schau den ganzen Hund an, nie nur ein einzelnes Körperteil. Die Stimmung eines Hundes lässt sich an der Rute allein nicht ablesen – das führt zu Fehldeutungen, die gefährlich werden können.

Drei Irrtümer, die fast alle machen:

«Er wedelt, also freut er sich.» Wedeln zeigt Erregung – positive oder negative. Ein Hund kann wedeln und kurz davor sein zuzubeissen. «Er hat ihn ja nur angeschaut.» Sehr wahrscheinlich hat er ihn fixiert. Fixieren gehört zum Drohverhalten und heisst «komm nicht näher». «Der Hund lächelt.» Weit nach hinten gezogene Maulwinkel mit Falten, hängende Zunge, schlitzförmige oder aufgerissene Augen – das ist ein Stressgesicht.

Gut läuft es, wenn beide Hunde locker bleiben, sich flüssig und in Bögen bewegen, sich zwischendurch abwenden, am Boden schnüffeln und für ihren Menschen noch ansprechbar sind.

Beschwichtigungssignale heissen «ich will keinen Streit»: blinzeln, Blick oder Kopf abwenden, sich über die Nase lecken, Pfote anheben, gähnen, sich hinsetzen, einen Bogen laufen. Das sind gute Absichten – und gleichzeitig ein Hinweis, dass der Hund unter Stress steht. Nehmt dann Druck raus, statt «ist ja alles gut» zu denken.

Stresssignale sind vermehrtes Züngeln und Gähnen, Hecheln ohne Hitze oder Anstrengung, Ohren nach hinten, Winseln oder Bellen, erhöhte Körperspannung, sich kratzen, gesträubtes Fell, in die Leine beissen, Anspringen, Aufreiten. Einmal gähnen heisst nichts. Häufiger und intensiver heisst: Der Hund ist gestresst.

Meideverhalten ist ein ernstes Zeichen: Blickkontakt vermeiden, Kopf und Ohren abwenden, zurückweichen, tief getragene oder eingeklemmte Rute, sich kleiner machen. Denn ein Hund, der weg will und nicht weg kann, eskaliert mit der Zeit.

Und Knurren wird nie bestraft. Knurren ist eine Warnung und damit ein Geschenk. Wer sie bestraft, riskiert einen Hund, der die Warnung künftig weglässt und irgendwann ohne Vorzeichen zubeisst. Ein drohender Hund ist kein «böser» Hund – er versucht, die Sache ohne Verletzungen zu lösen.

Wann ihr abbrecht

Es gibt keinen Preis fürs Durchhalten. Beide Seiten haben jederzeit ein Vetorecht, ohne Begründung.

Sofort Abstand vergrössern

Sobald einer der beiden Hunde erstarrt, fixiert, wiederholt züngelt oder gähnt, zurückweicht, sich kleiner macht, sichtbar spannt oder das Nackenfell aufstellt: Distanz vergrössern, Richtung ändern, zur Seite gehen oder einen Bogen laufen. Nicht ziehen, nicht schimpfen, nicht «da muss er durch». Danach entscheidet ihr neu – nochmal mit mehr Abstand, oder Schluss für heute.

Treffen beenden

Hier ist das Treffen vorbei, ohne zweiten Versuch: Knurren, Zähne zeigen, steife und hoch aufgerichtete Haltung, Verbellen, Abschnappen oder Vorwärtsstossen. Ebenso, wenn ein Hund dem anderen nicht ausweichen kann und bedrängt wird, wenn einer tatsächlich flieht, wenn Aufreiten oder Auflegen nicht sofort aufhört, wenn die Erregung nicht mehr heruntergeht – oder wenn einer von euch beiden sich unwohl fühlt. Das allein genügt als Grund.

Beendet ruhig und ohne Hektik: Beide gehen in entgegengesetzte Richtungen auseinander, nicht rückwärts unter Blickkontakt. Erst wenn genug Abstand da ist, redet ihr weiter.

Wenn es doch zum Kampf kommt

Geht nicht mit den Händen dazwischen. Wer einen Hund im Kampf packt oder stösst, riskiert, dass dieser sich umdreht und zubeisst – ein erheblicher Teil der schweren Handbissverletzungen entsteht genau dabei. Bringt stattdessen eine Barriere dazwischen (Jacke, Tasche, Schirm), macht ein lautes, ungewohntes Geräusch und zieht wenn möglich beide gleichzeitig zurück, nie nur einen. Danach trennt und beruhigt ihr die Hunde, bevor ihr miteinander redet.

Lasst Bissverletzungen tierärztlich beziehungsweise ärztlich abklären, auch wenn sie klein aussehen. In der Schweiz gilt zudem für bestimmte Berufsgruppen – unter anderem Tierarzt- und Arztpraxen, Hundeausbildende und Tierbetreuungsdienste – eine Meldepflicht, wenn ein Hund Menschen oder Tiere erheblich verletzt hat. Das ist ein sachlicher Hinweis und keine Rechtsberatung: Wie die Praxis in eurem Kanton aussieht, sagt euch das zuständige Veterinäramt.

Nach dem Treffen

Nehmt euch zwei Minuten, bevor ihr auseinandergeht. Zwei Fragen genügen: Wie ging es deinem Hund damit, aus deiner Sicht? Und was würden wir beim nächsten Mal anders machen?

Für ein zweites Treffen spricht, wenn beide Hunde durchgehend ansprechbar blieben, sich abwenden und wieder zuwenden konnten, es kein Knurren, Schnappen oder Fixieren gab, sich beide danach normal erholt haben – und beide Menschen ein gutes Gefühl hatten. Dagegen spricht, wenn einer der Hunde überwiegend angespannt war oder weg wollte, nicht mehr ansprechbar war, zu Hause auffällig lange unruhig blieb – oder wenn einer von euch ein ungutes Gefühl hat.

Zeigt ein Hund gehäuft Erstarren, Flucht, übertriebenes Herumalbern oder Kampfverhalten, holt zeitnah fachliche Hilfe: zuerst die Tierarztpraxis, um Schmerzen und Erkrankungen auszuschliessen, danach Fachleute für Verhaltensmedizin.

Zwei Sätze, die ihr weglassen dürft. «Die regeln das schon unter sich» – die Entscheidung über Direktkontakt muss auf gegenseitigem Einverständnis beider Betreuungspersonen beruhen. Und «der muss lernen, wer der Chef ist» – die Dominanztheorie gilt in der Schweizer Hundeausbildung als überholt. Steuert über Abstand und Timing, nicht über Härte.

Quellen

Veterinäramt Kanton Zürich (Mai 2025): Hundeausbildung Theorie – amtliches Lehrmittel zum obligatorischen Theoriekurs. Hauptquelle dieses Beitrags. zh.ch Schweizerische Vereinigung für Kleintiermedizin SVK-ASMPA (Juli 2022): Impfempfehlungen für Kleintiere. svk-asmpa.ch Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV: Hunde halten. blv.admin.ch Tierschutzverordnung TSchV, Art. 78 (Meldepflicht). fedlex.admin.ch RSPCA: Introducing dogs. rspca.org.uk Dogs Trust: Introducing your new dog or puppy to your current dog. dogstrust.org.uk Battersea (2023): How to introduce your dog to other dogs on walks. battersea.org.uk BC SPCA (2024): Dog fights – how to prevent them and how to break them up. spca.bc.ca ASPCA: Aggression in dogs. aspca.org Mills DS et al. (2020): Pain and Problem Behavior in Cats and Dogs. Animals 10(2):318. Řezáč P et al. (2011): Factors affecting dog–dog interactions on walks with their owners. Applied Animal Behaviour Science 134:170–176. Ward C (2020): Greeting behavior between dogs in a dog park. Pet Behaviour Science 10:1–14. Nygaard M & Dahlin LB (2011): Dog bite injuries to the hand. J Plast Surg Hand Surg 45(2):96–101. Stand: Juli 2026.

Gut zu wissen

Dieser Leitfaden gibt euch eine Orientierung: Er fasst zusammen, was Fachstellen empfehlen, und ist weder eine Rechtsberatung noch eine tierärztliche Beratung. Jede Begegnung ist anders, und niemand kennt eure Hunde so gut wie ihr – wie es vor Ort läuft, schätzt ihr beide selbst ein und entscheidet gemeinsam. Für das Verhalten des eigenen Hundes bleibt jede und jeder von euch selbst verantwortlich. Und wenn ihr unsicher seid, müsst ihr das nicht allein lösen: Bei Gesundheit und Schmerzen hilft die Tierarztpraxis weiter, beim Verhalten eine Hundeschule oder Fachleute für Verhaltensmedizin, bei rechtlichen Fragen das kantonale Veterinäramt.

Weitere Beiträge

Dieser Beitrag ersetzt keine tierärztliche Beratung. Quelle: DOGSY-Wissensredaktion.